5 Fragen an: Natalie (AFS)

5 Fragen an Stillberaterin (AFS) und Vikarin Natalie Schreiber. Wir sind sehr froh, dass Natalie die Zeit gefunden hat, unsere 5 Fragen zu beantworten. Denn: Die Kombination aus Seelsorgerin und Stillberaterin ist (leider) eher selten.

Stell dich bitte ganz kurz vor – was machst du so? Wie bist du dahin gekommen, wo du jetzt bist? Und: Bist du zufrieden mit der aktuellen Situation?

Mein Name ist Natalie Schreiber, ich bin hauptberuflich Vikarin in der evangelischen Kirche (das ist sowas wie eine Pfarrerin in der praktischen Ausbildung) und seit fast vier Jahren Mutter.

Stillen war für mich von Kindesbeinen an Thema. Meine Mutter hat meinen Bruder und mich für damalige Verhältnisse (80er Jahre) sehr lange gestillt und uns regelrecht gepredigt, wie wichtig das Stillen für Mutter und Kind sei. Es war für mich daher nie eine Frage, ob ich stillen wolle, könne oder sollte. Das war einfach klar. Ich habe schon in meiner Schwangerschaft viel übers Stillen gewusst, durch meine Mutter, meine Schwägerin und durch Fachliteratur, auch durch einen Stillvorbereitungskurs.

Aber dann wurde der Stillstart durch die Folgen eines ungeplanten Aufenthalts auf der Wöchnerinnenstation nach der Geburt sehr erschwert – trotz meines aktiven Widerstands gegen stillfeindliche Maßnahmen vor Ort. Zudem wurde mein Kind mit wenigen Wochen sehr krank und musste viele Wochen u. a. intravenös ernährt werden, sodass ich wochenlang alle zwei Stunden abpumpen musste, um meine Milchproduktion aufrecht zu erhalten. Und als mein Kind dann nach dieser Zeit wieder an meine Brust durfte, war es so durch den Wind, dass wir fast ein halbes Jahr nur im Dunkeln und im Liegen stillen konnten.

Ich habe mein Kind trotzdem insgesamt 3,5 Jahre gerne gestillt. Aber fast das ganze erste Jahr war eine einzige Herausforderung, was das Stillen betrifft. Dass ich dennoch gestillt habe, habe ich nicht nur meinem Willen und dem bedingungslosen Rückhalt meines Mannes und meiner Mutter zu verdanken, sondern nicht zuletzt meiner Hebamme, die so fit beim Thema Stillen ist und sich im Zweifelsfall mit einer Stillberaterin kurzgeschlossen hat, wenn sie sich unsicher war. Da war mir klar: Mamas, die stillen wollen, brauchen Unterstützung! Der Wille allein reicht eben häufig nicht. Und so habe ich, als mein Kind 2 Jahre alt war, die Ausbildung zur Stillberaterin in der AFS begonnen.

Fast zwei Jahre lang war ich in meinem Raum die einzige Stillberaterin. Die Anfrage war gewaltig. Ich habe es nicht alleine schaffen können. Also habe ich Frauen zusammengetrommelt, die sich auch vorstellen konnten, Stillberaterin zu werden – und wir haben die Ausbildung zu uns geholt. Mittlerweile sind wir fünf Kolleginnen vor Ort und weitere vier bis fünf Kolleginnen am Rand unseres Landkreises. Das ist ein so großer Gewinn! Wir können dadurch mittlerweile eine Stillgruppe anbieten und uns gegenseitig Fälle abnehmen, wenn eine von uns überlastet ist oder beruflich bzw. mit der Familie zu viel um die Ohren hat. So wie jetzt, wo ich eine Pause in der Stillberatung einlegen muss, weil ich hochschwanger bin und dann auch nach der Geburt erstmal Anderes Priorität hat. Dafür bin ich sehr dankbar.

Schwierig gestaltet sich die Situation, dass stillkompetentes Fachpersonal vor Ort dünn gesät ist. Als ehrenamtliche Stillberaterinnen haben wir nur sehr begrenzte Beratungsmöglichkeiten und sind daher darauf angewiesen, unsere Frauen bei entsprechender Indikation an Fachpersonal zu verweisen. Beispielsweise an Kinderärzt_innen, wenn ein Kind trotz guten Stillmanagements nicht gut zunimmt, an Logopäd_innen, wenn es um Probleme der Mundmotorik geht, an Gynäkolog_innen, wenn wir z.B. einen Brustsoor vermuten. In den meisten Fällen ist es dann leider so, dass den Frauen nicht geholfen wird, weil die jeweilige Fachperson nicht oder falsch beim Thema Stillen ausgebildet ist. Häufig werden den Frauen dann auch Empfehlungen ausgesprochen, die aus Stillberaterinnensicht vollkommen kontraproduktiv sind und das Problem verschärfen.

Für die Frauen ist das oft eine schlimme Erfahrung, weil sie Hilfe brauchen und keine erhalten, häufig Zweit- und Drittmeinungen einholen oder um Rezepte regelrecht betteln müssen. Und fast immer stehen die Frauen dann vor diametral unterschiedlichen Empfehlungen und müssen sich entscheiden – das sind echte Dilemmata.

Ich wünschte, wir hätten zumindest eine niedergelassene medizinische Stillberaterin (IBCLC) vor Ort, die dann viel umfangreicher beraten könnte als wir, und deren Wort gegenüber Fachpersonal mehr Gewicht hätte.

Was macht für Dich wirklich gute Stillberatung aus? Auf welche Punkte legst du selbst besonders wert, um deine Mütter optimal zu begleiten?

Gute Stillberatung bedeutet für mich, als Stillberaterin meine eigene Rolle zu reflektieren. Wir sind allesamt Mütter mit unseren eigenen Still-Erfahrungen und daher immer in der Gefahr, Eigenes auf die Frauen und die jeweiligen Stillsituationen zu übertragen.

Gute Stillberatung funktioniert für mich daher nur in ständiger kritischer Selbstreflexion. Dazu gehört z.B. auch, die Grenzen der eigenen Kompetenz zu kennen und zu achten. Aber auch, ein gutes Netzwerk zu haben, innerhalb dessen man die Frauen vertrauensvoll in andere Hände geben kann.

Für mich ist zudem fachlicher Austausch und die Lektüre von aktueller Fachliteratur und eigenständige Weiterbildung absolut essentiell.

Und dann braucht es zu guter Letzt natürlich ein gutes Maß an Empathie und Sicherheit, um den oft hochverunsicherten Frauen den Rücken zu stärken und mit ihnen Strategien zu erarbeiten.

Welche drei Punkte würdest du einer Stillberaterin in Ausbildung ans Herz legen? Wie schätzt du die verschiedenen Ausbildungsformen und Wissensstände der Stillberatungsorganisationen ein?

  1. Wenn es dir eine Herzensangelegenheit ist, Stillberaterin zu werden: tu es.
  2. Such dir Verbündete, bau dir ein Netzwerk auf.
  3. Achte gut auf dich.

Ich habe meine Ausbildung bei der AFS gemacht, weil das Kurssystem gut mit meinem damaligen Alltag zu vereinbaren war. Natürlich wäre ich viel lieber IBCLC geworden – aber dafür fehlt mir eben der medizinische Hintergrund. Interessant finde ich die DAIS-Ausbildung, weil man als DAIS-Stillbegleiterin viel umfangreicher beraten kann, als beispielsweise als AFS- oder LLL-Beraterin. Es ist einfach eine Frage der Logistik, eine Frage des eigenen Geschmacks und auch des Geldbeutels, welche Ausbildung man für sich in Angriff nimmt.

Was ist deine Lieblingsfrage einer ratsuchenden Mutter – und warum?

„Mein Kind will viel öfter an die Brust, als die 2/3/4 Stunden Mindestabstand, die mir meine Hebamme/mein Kinderarzt/meine Schwiegermutter/… empfohlen hat. Habe ich nicht genug Milch oder ist die irgendwie zu dünn?“

Gefühlt kommt diese Frage von jeder zweiten Mama, die sich an mich wendet. Das „Märchen von den Stillabständen“ hält sich leider hartnäckig, auch bei Fachpersonal, das in die Betreuung von Wöchnerinnen involviert ist. Seit mindestens drei Generationen wird es zudem oft von Mutter an Tochter weitergegeben.

Die Angst „zu wenig Milch zu haben“ wird regelrecht vererbt.

Dabei ist es so einfach: vertrau deinem Kind und stille bei den ersten Hungeranzeichen, nicht nach der Uhr, sondern nach Bedarf. Milch „hat man“ nicht, wie man beispielsweise eine Augenfarbe hat. Milch wird produziert. Und man hat Einfluss auf diese Produktion. Durch künstliche Stillabstände ist es beispielsweise nur eine Frage der Zeit, bis man seine Milchproduktion soweit gedrosselt hat, dass man ein kräftig wachsendes Kind nicht mehr ernähren kann – so wie es häufig bei der eigenen Mutter oder Oma schon passiert ist. Aber die allermeisten Frauen können ihre Produktion auch wieder steigern und an den Bedarf des Kindes anpassen.

Deswegen mag ich die Frage so gerne – weil man hier mit dem Erklären einfacher Zusammenhänge oft Großes bewirken kann.

Was ist für deinen Alltag als Stillberaterin absolut unverzichtbar? Und natürlich vor allem: Warum ist es unverzichtbar

Der Rückhalt meines Mannes. Stillberaterin sein fällt in die Freizeit, die als Berufstätige und Mutter ein kostbares Gut ist. Anfragen kommen oft gehäuft und unkalkulierbar. Ohne das Verständnis meines Mannes und seine Bereitschaft, in solchen Zeiten nicht nur für meinen Beruf sondern auch für mein Ehrenamt die „Geschäfte zu Hause“ aufrechtzuerhalten, ginge es nicht.

Danke Natalie für Deine Zeit und deine Antworten!


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